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01.07.2020

Landwirte überleben Bullenangriff

Zwei Vorfälle innerhalb weniger Tage - Beide Männer erleiden schwerste Verletzungen

Angriff auf der Kuhweide: Gleich zwei junge Männer sind von einem Bullen angegriffen und schwer verletzt worden. Mit letzter Kraft schleppte sich Sebastian Wolharn aus Harsewinkel unter den Zaun her und rettet damit sein Leben. Bei Pepe Ohliger verhinderte sein Chef durch schnelles Eingreifen Schlimmeres.

„Es kam mir vor wie Stunden, dabei waren es wahrscheinlich nur wenige Minuten“, erinnert sich Sebastian Wolharn an den Samstagnachmittag, an dem er eigentlich nur kurz seinem Vater helfen wollte die Kühe in den Stall zu treiben. Der 21-Jährige wartete am Tor, als er Schreie vernahm: Der Bulle, der als natürlicher Besamer mit den Kühen mitläuft, hatte seinen Vater angegriffen. Direkt eilt sein Sohn zur Hilfe, verteidigt ihn und wird zur Zielscheibe des Bullen. Mit dem Kopf schleudert das rund eine Tonne schwere Tier sein Opfer beliebig hin und her. „Ich konnte mich gerade noch zum Zaun schleppen und bin dann dort zusammengebrochen“, schildert Sebastian Wolharn die dramatischen Szenen. „Zum Glück kam in dem Moment ein Bekannter vorbei, der dann zusammen mit meinem Vater den Bullen unter Kontrolle kriegen konnte.“ Derweil hatte seine Mutter bereits den Notruf getätigt, wenige Minuten später waren Notarzt und Rettungsdienst vor Ort.

Ähnliche Schrecksekunden musste Pepe Ohliger aus Herzebrock einige Tage zuvor bei der Arbeit in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Varensell durchstehen: „Der Bulle hat mich in eine Liegebox geschoben und mich mit seinem Kopf verprügelt, ich war ein Spielzeug für ihn“, so der 19-Jährige. Der Chef hörte die Schreie seines Lehrlings und konnte in letzter Sekunde seinem Schützling das Leben retten. Danach ging alles ganz schnell: Mit dem Notarzt wurde er ins Sankt Elisabeth Hospital gebracht. Im Schockraum hat ein interdisziplinäres Team von Spezialisten eine komplexe Beckenfraktur mit einer starken inneren Blutung festgestellt. „Es war der hintere sowie der vordere Beckenring gebrochen, wodurch es zu Einblutungen kam“, erklärt sein behandelnder Arzt Dr. Dieter Mann, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie im Sankt Elisabeth Hospital. Der Bluterguss am Rücken musste operativ entfernt werden, Pepe Ohliger bekam mehrere Blutkonserven und wurde einige Tage auf der Intensivstation versorgt. 16 Tage nach seiner notfallmäßigen Einlieferung konnte er das Krankenhaus auf Gehstützen wieder verlassen.

Auch Sebastian Wolharn wurde als sogenannter Polytrauma-Patient im Schockraum erstversorgt. „Es waren viele Ärzte um einem herum und alles ging sehr schnell“, schildert der Schwerverletzte seine Erinnerungen. Fachübergreifend wird im zertifizierten regionalen Traumazentrum des Hospitals innerhalb kürzester Zeit eine differenzierte Diagnose gestellt und erste Maßnahmen eingeleitet. „Hier zählt jede Sekunde und jeder Handgriff“, weiß Dr. Dieter Mann, Leiter des Schockraum-Teams. „Mir drohte eine Querschnittslähmung und ich durfte mich nicht mehr bewegen“, so der Harsewinkeler, der auf dem elterlichen Hof arbeitet und derzeit die Fachschule für Agrarwirtschaft in Herford besucht. „Wir haben die Wirbelkörperfraktion des ersten Lendenwirbels mit einem Schraubenstabsystem stabilisiert“, erläutert der Chefarzt die Schwere der Verletzung. Bislang verlaufe der Heilungsprozess vorbildlich, der junge motivierte Landwirt ist bereits wieder mobil und hat sich eigene Ziele gesetzt: „Bis zur Maisernte Ende August will ich wieder fit sein!“

Der Vorfall hat den beiden jungen Landwirten gezeigt, wie viel Respekt man vor so einem starken Tier haben muss und sie appellieren daher eindringlich: „Niemand ohne Befugnis sollte eine Kuhweide betreten. Es besteht Lebensgefahr.“ Denn so viel Glück wie sie, den Angriff eines Bullen zu überleben, hat nicht jeder.

 

Regionales Traumazentrum

Die Überlebenschancen von schwerstverletzten Patienten sind sehr zeitkritisch. Sie hängen entscheidend von der Länge der Transportwege und der Erstversorgung im Krankenhaus ab. Im Dezember 2007 schlossen sich Kliniken aller Versorgungsstufen aus der Region Ostwestfalen zusammen, um gemeinsam die Versorgung von schwerstverletzten Patienten weiter zu verbessern. Dies geschah auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) im "TraumaNetzwerk Ostwestfalen". Die Klinik für Unfallchirurgie des Sankt Elisabeth Hospitals unter der Leitung von Chefarzt Dr. Dieter Mann ist seit einigen Jahren ein durch die DGU ausgezeichnetes Regionales Traumazentrum. Es bietet als medizinisches Kompetenzzentrum rund um die Uhr für schwerstverletzte Menschen die bestmögliche Versorgung.